VAEGABOND - Berg- & Talfahrt im Land #18 - Armenien

Neuer Monat, neues Land - Armenien! Aber hier noch kurz die Geschichte, wie wir überhaupt dorthin kamen: Kurz vor der georgisch-armenischen Grenze verabredeten wir uns noch mit unserem französischen Radfahrfreund Thibaut, der mit seinem Klapprad Richtung Asien unterwegs ist. Gemeinsam wollten wir ins neue Land radeln und fanden kurz vor der Grenze bei Sadakhlo einen tollen Platz für die letzte Nacht in Georgien. An einer verlassenen Tankstelle fragten wir geschäftige Männer, ob wir unsere Zelte im Hinterhof aufbauen konnten. Kurzerhand wurde für uns einfach ein leer stehender Schankraum aufgeschlossen, in dem wir schlafen konnten. Wie sich herausstellte, waren die Männer die Besitzer des angrenzenden Restaurants, von dem wir die Toilette und sogar die Dusche nutzen konnten. Wir hatten also richtig Glück und waren im Warmen. Den letzten Abend feierten wir dann bei einem riesen Teller Khatchapuri (ähnlich wie Pizza mit super viel Käse), einem kleinen Grillteller und einer Spezialität mit Aubergine mit Walnüssen. Dazu gab es einen Wein aufs Haus.

Leider war Thibaut der einzige, der am nächsten Tag die Grenze passierte. Dani hatte so heftige Rückenschmerzen, dass er noch nicht mal aufstehen konnte. Für die Besitzer vom Restaurant war es glücklicherweise kein Thema, wir konnten solange bleiben, bis es ihm besser ging. Dann ging es auch endlich für uns weiter. An der Grenze musste man einem Arzt seinen negativen Corona-Test bzw. Impfausweis vorzeigen, dann folgte die übliche Kontrolle durch den Grenzbeamten. Keine 5 Sekunden nachdem wir den armenischen Einreisestempel im Pass hatten, hielten uns zwei Männer in Zivil an, die von uns verlangten, die Taschen zu öffnen. Das war das erste Mal, dass unser Gepäck bei einem Grenzübertritt kontrolliert wurde. Sie zeigten auf eine der Taschen und fragten was drinnen sei. Wir öffneten den Verschluss und sie warfen einen kurzen Blick auf die oberste Schicht des Gepäcks. Das wiederholte sich nur 2x, denn anscheinend war das Interesse dann doch nicht so groß, unser gesamtes Hab und Gut zu auseinander zu fleddern. Dann waren wir frei.

Unsere Route führte uns zuerst durch einen Canyon und bald darauf hatten wir unsere ersten herzlichen Begegnungen mit den Einheimischen. Uns wurden tütenweise Khakis geschenkt und abends wurden wir vom Zelt weg in ein kleines Häuschen eingeladen, in dem Eiscafé abgefüllt wurde. Wir saßen um einen kleinen Tisch herum und teilten Essen und Getränke miteinander. Es gab unser gekochtes Campingessen und Dolma (Reis in Weinblätter), eingelegtes Blaukraut und andere lokale Gerichte sowie einige Verdauungsschnäpse. Dann ging es weiter an den Sewan See. Der See ist der größte Süßwassersee in ganz Armenien und dort waren wir auch für kurze Zeit wieder mit Thibaut vereint. Für uns ging es weiter um den See herum, für ihn in eine andere Richtung. Da ja schon November ist (und wahrscheinlich auch wegen Corona) trafen wir auf viele verwaiste Restaurants und Picknickplätze am See. Plötzlich tauchte dann direkt hinter dem nächsten Wäldchen ein richtig altes, rostiges Zugabteil neben der Straße auf. Weit und breit waren keine Schienen, wie und warum das wohl hier abgestellt wurde, war die große, ungelöste Frage. Nachdem wir den Schriftzug „Schlafwagen“ entdeckt hatten, inspizierten wir das Innere und befanden es für gut genug, um darin die Nacht zu verbringen.

Als nächstes gelangten wir wieder in die Berge. Armenien ist übrigens ein Land mit sehr vielen Höhenmetern. Etwa 90% der Fläche des Landes liegt über 1.000 Höhenmeter – also ganz unser Fall ;) Nach zahlreichen Höhenmetern mussten wir zugeben, dass die Berge wirklich wunderschön waren. Manchmal ragten sie schroff und zackig neben uns auf, dann sahen sie wiederum von der Form so aus, wie bei einer umgedrehten Sanduhr. Wieder ging es durch einen sehr beeindruckenden Canyon Richtung Areni. Gerade mit den ganzen Orange und Gelb-Tönen um uns herum, konnte der Herbst nicht schöner sein. Auf dem Weg in Armeniens Hauptstadt Jerewan, konnte man dann schon von weitem den Ararat ausmachen. Der Berg ist eins der wichtigsten Wahrzeichen von Armenien, liegt aber so gesehen in der Türkei. Wegen der Verfolgung und Ermordung vieler Armenier in Zeiten des Osmanischen Reiches, spürt man immer noch ganz deutlich die Spannung zwischen den beiden Ländern. Unsere Türkei Flagge haben wir aus dem Grund eingerollt, um nicht respektlos zu wirken. In Jerewan besuchten wir dann auch das Denkmal sowie das Genozid Museum, welches mit vielen Schautafeln und Informationen dieses dunkle Kapitel der armenischen Geschichte beleuchtet.

Nach langer Zeit waren wir in Jerewan wieder bei einem Warmshower Host zu Gast. Wie sich herausstellte, war er der einzig aktive Gastgeber in ganz Armenien und war selbst erst seit 2 Wochen im Lande. Zufälligerweise kam am selben Tag ein weiterer Radreisender an, Atilla aus Ungarn. Wir verbrachten gemeinsam eine grandiose Zeit mit unseren französischen Gastgebern. Als wir wieder aufbrachen, hieß es wieder ab ins Zelt. Die Nächte waren jetzt deutlich kühler und das Lagerfeuer unser altbekannter Freund.

Als wir eine Ruine in einem kleinen Dorf ausmachten und unser Zelt dort aufstellen wollten, dauerte es nicht lange und wir bekamen Besuch. Der Herr wollte nicht, dass wir draußen im Kalten die Nacht verbrachten und lud uns deshalb zu sich und seiner Familie auf den Bauernhof ein. Wie sich herausstellte war die Familie aus dem Irak und lebte schon länger in Armenien. Auch wenn wir keine gemeinsame Sprache sprachen, irgendwie konnten wir uns dann doch verständigen und erhielten einen interessanten Einblick in das Leben der 6-köpfigen Familie. Gemeinsam saßen wir abends in der gedrungenen Küche. Es gab selbst gemachten Kompott und das Essen war zwar einfache Hausmannskost, schmeckte aber super. Wir genossen die Wärme, die vom kleinen Blechofen ausging, der unentwegt mit Kuhdung gefüttert wurde. Einfach, warm und herzlich: das war das Fazit dieser wundervollen spontanen Begegnung.

Liebe Grüße von unterwegs
Melli & Dani
 

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